Der furchtbarste Moment im Spielen eines Videospiels ist für mich das krampfhafte Erlernen der Tastenbelegung; ein weiterer Beleg auf der (nicht allzu langen) Liste mit dem Namen “auch ich werde älter”. Während ich versuche, die vielen Optionen und Bewegungen im Kopf zu behalten um sie später dann im günstigsten Fall auch zu automatisieren, ärgert mich mein anfängliches Scheitern ein wenig. Der modus operandi ist immer der gleiche – sobald ich überzeugt bin, dass ich es mir gemerkt habe, drücke ich jedoch widerwillig den Pause-Knopf (überlebenswichtig) und drehe eine weitere Runde im Menü jener Tastenbelegungen.

“Die gute alte Zeit des Gameboy mit zwei Tasten und dem Steuerkreuz … wo ist sie nur hin?!” Alles schien einfacher …. allerdings auch gesetzter. Nicht viel Zeit vergeht zwischen der Phase der totalen Ungläubigkeit in meine Fähigkeit, alle Kombinationen gedanklich abzuspeichern und dem Moment, in welchem ich realisiere, es doch irgendwie geschafft zu haben.

Dieses Szenario ist für mich die passende Analogie meines Lebenswandels, der vor eineinhalb Jahren begann und welchen ich damals nie hätte voraussehen können – ähnlich wie das erlernen der Tastenbelegung.

Die Zeit vergeht ja schneller, je älter man wird (weiterer Punkt auf der oben genannten Liste). Wie schnell diese 18 Monate jedoch – ich würde nicht sagen an mir vorbeigezogen sind – sondern eher sich entfaltet haben, ist manchmal beängstigend.
Alles entsprang aus einer Idee heraus, die Idee und (damit gepaart) der große Wunsch, mein Hobby, meine Affinität zum Beruf zu machen. Nicht blauäugig oder infantil, eher extrem konservativ und selbstzweifelnd.
Der nötige Leidensdruck war allerdings weit größer herangewachsen, als alle gängigen Ängste … ihr wisst schon, der wegbrechende Lebensstandard, die Wohnung, technische Anschaffungen die zu 50% mit dem kleinen Buchstaben “i” beginnen … all dies wurde gedanklich eine Schublade tiefer eingeordnet, wie Kleidung, die man für die kommende Zeit erst mal nicht tragen möchte weil sie irgendwie nicht zu einem passt.

Ich spürte so etwas wie Mut und den Reiz des Unbekannten. Viel zu lang führte ich das Leben eines Walking Dead. Um Gottes Willen, mein Arbeitgeber war super und stets fair, meine Entfaltungsmöglichkeiten vorhanden. Es war eher ich selbst, der eine Wandlung vornahm und sich bei der Frage an mich selbst, ob meine berufliche Tätigkeit für irgendeinen Menschen einen Sinn mache, dabei ertappte, kleinlaut mit “Nein” zu antworten.
Bäcker backen Brot, welches Menschen gern essen …. Bauarbeiter bauen Straßen, auf denen Menschen sich fortbewegen. Was tat ich? Welchen Sinn hatte meine Tätigkeit? Dem gegenüber stand das Schreiben, eine Leidenschaft die ich einige Jahre zuvor entdeckt hatte. Natürlich war ich auch einer von denen, die – um unglaublich interessant zu wirken – äußerten, mal ein Buch schreiben zu wollen, da war jedoch mehr in mir. Ich spürte eine derartige Begeisterung beim verfassen meiner Artikel auf meinem Blog über meine New York Knicks, die ich in keinem anderen Bereich meines Lebens wieder fand.

Da war er plötzlich, der Sinn in meinem Leben, so klischeebehaftet dies auch klingen mag. Etwas zu tun, was nicht nur einem selbst Freude bereitet, sondern auch anderen … nämlich den Leuten, die meine Texte lasen, war ein unglaublich schönes Gefühl.
Ich erkannte plötzlich, welcher Pfad sich vor mir auftat und welches Gepäck ich zurücklassen musste, um auf diesem zu schreiten … mein Lebensstandard, die Möglichkeit, mindestens ein mal im Jahr zu verreisen … und T-Shirts mit V-Ausschnitt, die mehr kosten als 10 € (ja meine sind von H&M).
Die so vertraut gewordene Angst vor diesem Schritt war nun aber weg und mein weiterer Weg plötzlich unbeschwert.

Große Unterstützung erhielt ich nach einem offenen Gespräch von meinem Arbeitgeber, dem ich natürlich viel zu verdanken habe und der es mir ermöglichte, ausreichend Zeit in meine Selbstständigkeit zu investieren.
Kein Wecker am frühen Morgen, kein BlackBerry, welchen man schon automatisch nach neuen Nachrichten überprüfte und keine Events mehr, die einen Anzug vorsahen.
Ich konnte relaxen und mich somit auf die Dinge konzentrieren, die nun ein fester Bestandteil meines Lebens sein sollten … wenn nicht sogar mein Leben selbst.
Ist Glück das Ergebnis des Tüchtigen? Wow, dann muss ich wohl sehr tüchtig gewesen sein. Von allen Seiten erhielt ich nicht nur positiven Zuspruch für meine Entscheidung, sondern auch Anfragen für meine Expertise. Design und Schreiben, eine kurze und dennoch perfekte Assoziation mit mir, meinen Interessen und meiner Leidenschaft.

Da waren jedoch nicht nur die anfänglichen kleinen Aufträge im Freundeskreis, sondern auch der Aufbau von familien-ähnlichen Freundschaften, die es mir erlaubten, mein neues “Büro” (es bestand aus einem MacBook und mir) am Tisch in eines der besten authentischen Restaurants in Berlin aufzuschlagen. Das Mio wurde im Frühling mein zweites Zuhause und eine Zuflucht, in der ich kreativ leben, arbeiten und atmen konnte.
Dort begann meine Karriere, im Umfeld von Servietten falten, Cappuccino zubereiten und Geschirr polieren. Es war (und ist) Familie vermischt mit den Tätigkeiten, die mich glücklich fühlen ließen.
Die warmen Sommerabende, an denen ich draußen saß und Übersetzungen ins englische vornahm, während das Leben der kleinen Straßen an mir vorbeiging, das Schreiben einer Story über den NBA Champion Dallas Mavericks in der Druckausgabe der BASKET, während ich Wein nachfüllte oder Milch schäumte und die ersten Design-Projekte für einen großen Kosmetikkonzern … zur gleichen Zeit in der ich unterstützend Brot in den Ofen schob oder Geschirr in den Spüler einräumte. Augenblicke, die ich nie wieder vergessen werde.

Arbeit und Leben … es schien in Einklang und auf ein mal so einfach. Vorbei war die Zeit der Zweifel, die Frage nach dem beruflichen Sinn und der allabendlichen Erschöpfung. Ich musste nun nicht mehr Arbeit und Leben trennen … alles war nun LEBEN.

Die Monate bis zum aktuellen Sommer sind schnell vergangen und was ich bisher erlebte und lernte, ist mit nichts aufzuwiegen. Von Beginn an war mir klar, dass ich Zugeständnisse machen musste und nach der tollen, erfolgreichen Zeit auch eine Dürrephase kommen würde. Sie kam … und natürlich machte sie mir Sorgen. Bei aller Überlegung und auch Zweifeln war mir rückblickend jedoch immer eines klar – “du hast die richtige Entscheidung getroffen, auch wenn du scheitern solltest.”

Erneut klopfte die Weisheit an meine Tür, dass sich Situationen und Umstände schnell ändern können … sehr schnell und sehr massiv sogar. Konnte ich mir vorher ausmalen, dass ich ein Jahr später nicht nur meine eigenen Blogs habe, sondern auch für ein Online Magazin aus – dem von mir so geliebten –  New York  schreibe und sich hierdurch die unglaubliche Chance ergab, mit meinem Schreiben meinen Lebensunterhalt zu verdienen? Nein.
Ich hoffte, ich malte mir aus … wenn ich Abends wach lag, waren sie da … die Wünsche und, ja auch Ziele. Das alles so eintrifft, ich bin sehr glücklich aber auch ehrlich und sage … ich bin überrascht.

Und dabei hat dieser Weg erst seinen Anfang. Was sind den schon 18 Monate im Vergleich zu dem, was ich noch vor mir zu liegen habe? Nun, es ist ein fantastisches Fundament, welches beweist, dass es sich ausgezahlt hat, mutig zu sein und Ziele zu haben. Die Dankbarkeit über diese Erkenntnis wird hoffentlich nie vergehen.

 

Posted on
Juni 22nd, 2012
By
Robert
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  1. Burki

    Mai 24, 2013 at 9:56 pm —

    Ich hatte mich schon gewundert, dass die journalistischen Aktivitäten so angestiegen sind. Ich kannte Dich nur als Knicks-Blogger und entdeckte Dich dann in der Five wieder.

    Was hast Du denn vorher gemacht, um Deine Brötchen zu verdienen?
    Es sicher eine super Lebensqualität mit seinem Hobby sein Geld zu machen, aber Jetzt wirst Du sicher viel Zeit mit Kundenaquise verbringen.

    Wer würde nicht sein Geld aus einem Café verdienen ohne Cola auszuschenken? Realistisch betrachtet, bist Du mit Deinem Lebensplan auf Kurs oder besteht die Gefahr (aus finanziellen Gründen), wieder einem bürgerlicheren Leben nachzugehen?

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